Gedächtnisbuch

"Die Grundidee des Gedächtnisbuches ist, die Namen hinter den Nummern sichtbar zu machen; einen Häftling aus der anonymen Masse herauszuheben und ihm seine Individualität zurückzugeben", sagt Klaus Schultz. Er ist Diakon der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau und Mitglied des Gedächtnisbuch-Trägerkreises.

Über 200000 Häftlinge wurden von 1933 - 1945 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Das KZ-Dachau galt den Nationalsozialisten als Grundmodell für über 2000 KZs in Europa. Die ersten Häftlinge waren politische Gegner der Nationalsozialisten: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, einige Politiker der bürgerlichen Parteien und Monarchisten. Später kamen Juden, Geistliche, "Zigeuner", Homosexuelle, sog. Asoziale und Kriminelle hinzu. Während des Krieges stammte die Mehrzahl der Häftlinge aus den besetzten Ländern. Eine einzige kritische Äußerung oder die Zugehörigkeit zu einer verfolgten Minderheit genügte, um ins KZ zu kommen. Für sehr viele Menschen bedeutet dies das Todesurteil.

Klaus Schultz und Uwe Neirich, damals pädagogischer Mitarbeiter des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung, kannten beide das Gedenkbuch in der Alten Synagoge in Essen. 1997 überlegten sie, auch in Dachau ein ähnliches Projekt zu verwirklichen. 1999 ließ sich die Idee mithilfe eines Trägerkreises realisieren.

Jedes Jahr am 22. März, dem Jahrestag der Errichtung des Konzentrationslagers, werden die neuen biografischen Gedächtnisblätter vorgestellt. Ehemalige Häftlinge, Angehörige, Schüler und interessierte Personen haben sie verfasst und setzen damit ein Zeichen der Erinnerung. Bisher sind es 80 fertige Biografien, die in der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte ausgestellt werden.

Jede Einzelbiografie eines Häftlings umfasst vier Seiten. Die Verfasser wählen die Sprache, in der sie schreiben wollen und übernehmen die individuelle Gestaltung. Auf diese Weise sollen die Gedächtnisblätter die Vielfalt der aus über 30 Nationen stammenden Häftlinge veranschaulichen.

Wir möchten, dass man begreift, dass Dachau mehr ist als dieser Ort. Hinter den großen Zahlen von mehr als 200000 Häftlingen und mehr als 32000 Toten stehen einzelne Biografien, Lebensentwürfe und die Familien der verfolgten Menschen. Wir wollen den Häftlingen wieder ein Gesicht geben und die Hintergründe ihrer Verfolgung in unsere Gegenwart transportieren. Das ist der Grundgedanke unseres Projekts.
Sabine Gerhardus, Projektleitung

Weitere Informationen: http://www.gedaechtnisbuch.de/




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